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Schlaglicht: 5 Fragen an Ragnar Siil zur Kulturhaupstadt Tallinn

ATallin

 

Ragnar Siil arbeitet seit 2005 im estnischen Ministerium für Kultur  und ist derzeit der Unterstaatssekretär für Schöne Künste. Von 2007-2011 war Siil Leiter der Entwicklungsabteilung und verantwortlich für die strategische Planung und Politik der Kreativwirtschaft. Ragnar Siil ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission der Kreativwirtschaft und Mitglied die Steering Group, die Partnerschaft der Nördlichen Dimension für Kultur. Er leitet auch estnische Komitees, u.a. der UNESCO-Konvention zur Vielfalt kultureller Ausdrucksformen.

 

Was sind die wichtigsten Attribute der estnischen Kultur in Vergangenheit und Gegenwart?

Kultur wird stark durch den estnischen „way of life“ verkörpert. Es ist die Kultur, sie definiert uns als Esten. Die Estnische Verfassung besagt in ihrer Präambel: "Ein unerschütterlicher Glaube und ein standhafter Wille wird zur Stärkung und Entwicklung des Staates beitragen und garantiert die Erhaltung der estnischen Nation, Sprache und Kultur für Jahrhunderte.“ Wir sind stolz auf unser reiches materielles und immaterielles Erbe, die historischen Baudenkmäler und kulturellen Ausdrucksformen der kleinen Gemeinden. Die Esten werden als eine "singende Nation" betrachtet. Die Tradition von gemeinsamen Singen in Chören und bei Musikfestivals existiert seit fast 150 Jahren und war ein zentrales Element im Kampf gegen die sowjetische Besatzung. Man bezeichnete es auch als "Singende Revolution". Das Lied „celebrations“ ist heutzutage beliebter als je zuvor, denn  die jüngeren Generationen fühlen  sich zu der Tradition hingezogen. Jugend Sänger- und Tanzfeste waren im Jahr 2011 die Höhepunkte der Kulturhauptstadt.

Die estnische Musik hat der Welt große Komponisten geschenkt (Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Veljo Tormis und viele andere), Dirigenten (Neeme Järvi, Paavo Järvi, Tõnu Kaljuste etc), wodurch unsere Orchester von Weltklasse sind. Die Esten sind auch große Theaterliebhaber und übertreffen den durchschnittlichen Besuch eines Theaters pro Einwohner in der gesamten Europäischen Union. Aber es gibt auch vieles bei der estnischen Literatur, Design, Film, Architektur und Kunst zu entdecken. Estnische Kultur ist kein Museum, es ist alles sehr lebendig. Mit einer Bevölkerung von 1,3 Millionen haben wir keine Scheu zu experimentieren und zu erneuernj. Dies ist der Schlüssel, um eine kleine Kultur im Laufe der Jahrhunderte gedeihen zu lassen.

Was bedeutet es für Tallinn die Kulturhauptstadt im Jahr 2011 zu sein?

Obwohl Estland viel zu bieten hat, ist es immer noch ein Land, das viele Menschen noch nicht entdeckt haben. Hoffentlich bringt uns das Jahr 2011 mehr Transparenz und Sensibilität. Es ist die Möglichkeit, unsere Kultur und Erbe mit unseren Besuchern teilen. Aber das Programm der Kulturhauptstadt-Jahr wurde in der Art und Weise entwickelt, dass es langfristige Auswirkungen auf das kulturelle Leben in Tallinn hat. Das Jahr soll die Rolle der Kultur und den Alltag neu definieren. Die Kulturhauptstadt initiiert neue Projekte, neue Partnerschaften, den Bau und die Renovierung von Bauten und das Förderung des Tourismus.

Welche Aspekte hat das Teilen des Titels mit Turku?

Zunächst ist dies vor allem eine große Chance. Nie zuvor haben zwei Städte so nah beieinander gelegen und sind gleichzeitig „Capitals of Culture“. Es gibt viele Projekte, die sowohl Tallinn und Turku verbinden (siehe mehr zum gemeinsamen Programm für Tallinn und Turku auf www.tallinn2011.ee), wodurch auch die kulturelle und geografische Nähe genutzt werden kann. Aber es gibt noch wichtigere Aspekte bei der Teilung des Titels mit Turku. Die Beziehungen zwischen Estland und Finnland ist im Laufe der Jahre sehr stark geworden. Die estnischen und finnischen kulturellen Beziehungen sind miteinander verbunden und das Kulturhauptstadt-Jahr hat nur diese Beziehungen hervorgehoben. Sicherlich ist dies für viele Besucher aus der ganzen Welt eine große Chance, sowohl Tallinn und Turku zur gleichen Zeit zu besuchen. Es ist offensichtlich, dass diese Titel-Teilung die gesamte Ostseeregion, seine Kultur und das Potenzial seiner kreativen Industrien in den Vordergrund stellt.

Wie profitiert Estland von Tallins Titel als Kulturhauptstadt?

Der Titel als Kulturhauptstadt erweitert die Grenzen von Tallinn, es ist ein Projekt für das gesamte Estland. Für ein so kleines Land ist es natürlich, dass das Kulturhauptstadt-Jahr erhebliche Übertragungs-Effekte auf den Rest des Landes bringt. Es gibt viele Veranstaltungen in ganz Estland, die in das offizielle Programm aufgenommen worden sind. Die Zahl der Touristen hat sich in Tallinn nicht nur erheblich erhöht, sondern auch in anderen Städten ist sie gewachsen. Darüber hinaus ist Tallinn das größte Tor für jeden Besuch in Estland, von dort aus ist es nur ein kleiner Schritt, um den Rest des Landes zu entdecken.

Was wird aus Tallinn und Estland nach diesem Jahr?

Wie bei allen bisherigen Kulturhauptstädten ist dies die herausfordernde Frage - wie man die Auswirkungen des Jahres haltbar macht. Zunächst einmal ist es eine Frage des Programms. Neben kleinen einmaligen Projekten lag der Schwerpunkt auf Projekten, die eine langfristige Nachhaltigkeit haben. Tallinn, mit der Unterstützung der Europäischen Strukturfonds, ist dabei, alte Fabriken zu renovieren und in der Stadtmitte in neue kulturelle Schmelztiegel umzubauen, die Museen werden ebenso renoviert, die ihre wichtige Rolle in den kommenden Jahren bekommen werden. Wir priorisieren unsere Kultur-Exporte. Estland  organisiert zurzeit  ein zweimonatiges Kulturfestival in Paris, welches im Oktober und November 2011 stattfinden soll. Es gibt viele Gründe, Tallinn und Estland zu besuchen. 2012 ist dem 100- jährigem Jubiläum des Estländischem Films gewidmet; als nächstes wird im Jahr 2014 das Sänger-und Tanzfest stattfinden. Die nächste Gelegenheit für Estland wird das Jahr 2018 sein, um auf internationaler Ebene sichtbar sein im  Rahmen vergleichbarer Veranstaltungen wie im Jahr 2011, wenn Estland sowohl sein 100 jähriges Jubiläum der Unabhängigkeit und seinen Einstieg  in die Europäische Union feiert.

 

Interview: Ralph M. Bloemer

 

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